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Boutefas (GUB/AOP), Saucisson vaudois (GGA/IGP)

Pour le boutefas : casa, botato.

Boutefas (GUB/AOP), Saucisson vaudois (GGA/IGP)

In Kürze

Boutefas GUB/AOP und Saucisson vaudois GGA/IGP gehören zur illustren Familie der Rohwürste mit abgebrochener Reifung, zusammen mit der Longeole, der Saucisse d’Ajoie, der Saucisses aux choux und Saucisse au foie (siehe entsprechende Einträge). Diese Art Wurst wird besonders in der Romandie geschätzt (abgesehen vom Wallis); man isst sie gekocht und warm. In der Deutschschweiz zieht man allgemein Brühwürste wie Kalbsbratwurst oder Cervelat vor, in den alpinen Regionen getrocknete Rohwürste.

Die Charcuterie im Westschweizer Mittelland geniesst seit Jahrzehnten eine Reputation für die Qualität ihrer Saucisses und Saucissons (der Saucisson ist dicker als die Saucisse). Der Boutefas, kulinarisches Erbe des Kantons Waadt und der angrenzenden Gebiete des Kantons Freiburg, ist seit 2021 als GUB/AOP (Geschützte Ursprungsbezeichnung-Appellation d’origine protégée) im Bundesregister der Ursprungsbezeichnungen eingetragen. Die Registrierung als Produkt mit Geografischer Angabe/Indication géographique protégée (GGA/IGP) gilt seit 2004 für den Saucisson vaudois und die Saucisse aux choux und erlaubt, diese Produkte streng zu definieren und die Namen, die sie bezeichnen, zu schützen. Aber in der Waadt gibt es nicht bloss den Saucisson vaudois IGP – der Saucisson de Payerne geniesst, auch wenn er ausserhalb der IGP-Denomination steht, ein grosses Renommee in der Region Broye, wo diese Wurst heimisch ist. Ähnliche Würste werden ebenfalls seit langer Zeit in den Kantonen Genf (Longeole) und Freiburg (Saucisson fribourgeois) produziert. Im Neuenburgischen kennt man den Saucisson neuchâtelois und die Saucisse neuchâteloise, ebenfalls als GGA/IGP geschützt (siehe entsprechenden Eintrag).

 

Beschreibung

Rohe geräucherte Charcuterieprodukte, deren Reifung abgebrochen wird; darf nur in natürlichen Schweinsdarm gestossen werden. Die Wurstzipfel werden mit Schnur oder Clips verschlossen. Die Form des Boutefas ist besonders auffallend: Die Wülste des Caecums vom Schwein charakterisieren die Form, die mit einer Schnur verschlossen wird, weil das Caecum als Blinddarm nur an einem Ende offen ist. Die Farbe beider Würste ist goldbraun aussen und rosa bis rot innen.

Eine Saucisson vaudois wiegt etwa 400 Gramm, ein Boutefas 600 Gramm bis 2, manchmal 3 Kilo.

 

Zutaten

Beide Würste enthalten dasselbe Brät aus Schweinefleisch (60%), Speck, Salz, Zucker, Grundwürze (Salz, Pfeffer), Zusatzgewürze (Knoblauch, Koriander, Weinhefe, Weisswein). Schweinsdarm: Krause (40 bis 90 mm Durchmesser) für den Saucisson vaudois GGA/IGP, Caecum (Butte) für den Boutefas.

 

Geschichte

Der Historiker Samuel Jordan hat mehrere Vorkommen des Begriffs «boutefas» oder eine seiner Varianten in verschiedenen historischen Quellen vermerkt. Die älteste Quelle ist in einem «Thurnrödel» von 1634 zu finden (eine Reihe von Schwarzbüchern von 1475 bis 1799, aufbewahrt im Freiburger Staatsarchiv). Man weiss nicht, woran dieser Boutefas des 17. Jahrhunderts erinnerte, und die obskure Etymologie hilft auch nicht, sich eine klare Vorstellung machen zu können (gemäss des «Dictionnaire suisse romand» stammt der Begriff vom spätlateinischen «buttis» für Fass, (Leder-)Schlauch sowie von «fars», dem Stammwort von farcir, füllen). Ein Jahrhundert später jedenfalls stellte man in der Schweiz haltbare Würste her. Im «Bernerisches Koch-Büchlein» von 1747 steht ein Rezept für Würste zum roh oder gekocht essen, die sich ein Jahr lang halten. Ein Rezept, gut 50 Jahre jünger, aus dem Archiv der Familie Charrière von Sévery, präzisiert, dass der Saucisson leicht geräuchert und dann gut zwei Wochen getrocknet werden muss, bevor man ihn kochen und essen kann. Nicht zu vergessen ist, dass bereits im Rezeptbuch «La cuisine genevoise» von 1798 die Verwendung von Salpeter (zwecks Umrötung des Fleisches) festgehalten ist.

Trotz dieser alten Zeugnisse ist nicht erwiesen, ob Boutefas und Saucisson vaudois bis zum 19. Jahrhundert häufig verbreitet waren. Glaubt man François de Capitani, war Schweinefleisch im Ancien Régime ein rares und teures Nahrungsmittel, wie der Historiker in «Soupes et Citrons» schrieb. Der Grund dafür mag an der Nahrungskonkurrenz von Mensch und Schwein liegen: Beide sind Alles(fr)esser – umgekehrt war Fleisch von Wiederkäuern, insbesondere Kalbfleisch, einfacher und preiswerter erhältlich. Gewiss konnten in bessergestellten Familien die Küchenabfälle ein «Familienschwein» ernähren. Für eine Mast in grösserem Stil muss man bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts warten, als sich der Kartoffelanbau generell durchgesetzt hatte und der Aufschwung der Milchwirtschaft im Schweizer Mittelland zum Nachteil des Getreideanbaus unübersehbar wurde – die Molke, wachsender Rückstand steigender Käseproduktion (in der Westschweiz insbesondere Gruyère), liess sich den Schweinen verfüttern. 1840 präsentierte das Lehrmittel für Landtöchter «Le Cours d’économie domestique à l’usage des jeunes filles de la campagne» zwar Würste zum Grillen sowie Atriaux und Blutwürste, aber weder Saucisson noch Boutefas.

Dennoch entwickeln sich das Waadtland und seine Anrainer Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem Schmelztiegel der Charcuterie, was verschiedene Textquellen bestätigen. Diese Periode ist auch dem Waadtländer Schriftsteller Juste Olivier (1807-1876) nicht entgangen, der bereits 1837 schrieb: «Autrefois, le lait, les lentilles faisaient tout le fond des aliments des campagnards. Aujourd’hui, le porc et les autres viandes salées sont peut-être plus communnes» (einst waren Milch und Linsen die Basis der ländlichen Ernährung, heute sind das Schwein und die anderen eingesalzenen Fleischsorten vielleicht alltäglicher). Im «Dictionnaire universel de cuisine pratique» (1894) des Wallisers Joseph Favre steht das Rezept eines «saucisson suisse», der «vor allem im Kanton Waadt» hergestellt wird; dies entpricht im grossen Ganzen mit den Kenntnissen über Saucisson vaudois, fribourgeois und neuchâtelois – abgesehen von der Zugabe von 40 Gramm Salz pro Kilo Fleisch, was der doppelten Menge von heute entspricht.

Im 19. und 20. Jahrhundert findet bis in die 1970er-Jahre die Entwicklung einer starken Tradition statt, die Anfang des 21. Jahrhunderts fast schon wieder verschwunden ist: die Hofschlachtung. Auf dem Bauernhof grossgezogen, wurde das Schwein auch dort von einem Störmetzger geschlachtet. In ihrem Artikel «Comment on tue un porc à Botterens» (wie man in Botterens ein Schwein tötet) für die Revue Folklore Suisse (1960) beschrieb Hélène Brodard in allen Details die Etappen der Hofschlachtung und erwähnt auch den Boutefas: «Das Endstück des Dickdarms ist mit Saucisson-Masse gefüllt; man bezeichnet diesen kleinen Saucisson dodu oder boutefas, reserviert für ein Festessen, Ostern oder Pfingsten.» Bleibt zu konstatieren, dass dieser «kleine» Saucisson in Wirklichkeit der grösste bekannte Saucisson in der Westschweiz ist (bis 1,8 wenn nicht zwei bis drei kg schwer)! Im Archiv des «Glossaire des patois de la Suisse romande» sind Beiträge einer seriösen Untersuchung vorhanden (durch Korrespondenz um 1910 realisiert), die präzise Informationen enthalten und weiter oben zitierte Erwähnungen bestätigen. Man erfährt, dass der Boutefas «für die grossen Anlässe aufbewahrt wurde: Besuche, Hochzeitsfeiern, Taufen» (Moudon) oder man ass sie auch «wenn man den Hanf säte» (Etagnières).

Der kleinere Saucisson vaudois wurde nicht nur zu festlichen Gelegenheiten verspeist. Die «Encyclopédie illustrée du Pays de Vaud» erinnert an einen speziellen Moment, bei dem der Saucisson eine Rolle spielt: la chette. Am Morgen von St-Sylvestre zogen in Vaulion die jungen Leute von Hof zu Hof und erhielten hausgemachtes Brot oder Saucisson. Ähnliche Bräuche sind heute noch in einigen Waadtländer Dörfern lebendig. An Stelle des Saucisson erhalten die Jungen manchmal auch Saucisse aux choux.

Saucisson de Payerne: Im Volksgedächtnis gilt die Region Payerne als Wiege der Waadtländer Charcuterie. Seit Herzog Amédée VII von Savoyen den Menschen dort erlaubt hatte, ihre Schweine in den Wäldern der Umgebung weiden zu lassen (und diese sich von Eicheln ernährten), begann sich in Payerne und Umgebung ab dem 15. Jahrhundert die Schweinehaltung zu entwickeln. Man weiss dank endloser lokaler Streitereien, dass diese Praxis im Laufe der Jahrhunderte weiter bestand. Tatsächlich basierte Anfang des 20. Jahrhunderts die Reputation der Schweinehaltung von Payerne genau auf diesen Waldweiden. Die Bezeichnung eines Saucisson «de Payerne» erscheint nicht vor dem ausgehenden 19. Jahrhundert: Die Wurst steht in bester Position auf einer Einkaufsliste aus dieser Epoche, die im Kantonsarchiv der Waadt aufbewahrt wird.

Laut Jacques Chapuis, einem Experten der Charcuterie, datiert die Reputation Payernes «vielleicht in der Epoche, als man in Payerne eine spezielle Schweinerasse aufzog, <cochon rouge> [rotes Schwein]. Diese Tiere waren gut im Fleisch, sie wurden mit Eicheln und mit diesem Wasser von Payerne mit speziellen Heilkräften ernährt, was heute noch der Charcuterie von Payerne ihr besonderes Aroma verleiht» – wohl der Grund, warum die «Payernois» gerne mit «Lè caïon-rodzé» tituliert werden (rotes Schwein).

 

Produktion

Saucisson vaudois GGA/IGP: Wie der Name schon sagt, wird die Waadtländer Saucisson GGA/IGP ausschließlich im Kanton Waadt hergestellt. Die Schweine dürfen hingegen aus der ganzen Schweiz stammen. Für die Herstellung der Wurst müssen sie bei der Schlachtung mindestens 140 Tage alt sein und ein Gewicht von mindestens 75 kg (Schlachtgewicht) erreichen. Danach folgen mehrere Herstellungsschritte (9): die Sortierung des Fleisches (ohne Sehnen, Schwarten, blutige Teile u.a. fremdartige Teile), die Zubereitung der Gewürze und Zusatzstoffe, das Zerkleinern der Masse (Körnung von 5 bis 8 mm), das Kneten, das Abfüllen in Schweinedärme (Schweinekrause), die Umrötung, das Kalträuchern (Rauch durch Verbrennen von Sägemehl und/oder unbehandelten Nadel- bzw. Laubgehölzen ) und schließlich die Trocknung (minimaler Trocknungsverlust von 30%) und Lagerung. Das Rötungs- und Räucherverfahren muss mindestens 24 Stunden dauern. Außerdem ist die chemische Färbung durch Bad oder Färben verboten.

Boutefas GUB/AOP: Der seit 2021 als GUB/AOP geschützte Boutefas wird ausschließlich aus Schweinen Das geografische Herstellungsgebiet (Produktion, Räuchern, Sieden und Zerteilen) des seit 2021 als GUB/AOP geschützten Boutefas umfasst die Kantone Waadt und Freiburg, mit Ausnahme des Sensebezirks, sowie die bernische Exklave Münchenwiler. Der Bouefas als Rohwurstware mit abgebrochener Reifung, wird ausschliesslich aus Schweinefleisch hergestellt und gekocht genossen. Sein Gewicht beträgt zwischen 600 g und 3 kg. Das Herstellungsverfahren dieses Produktes ist in fast allen Schritten identisch mit dem der Saucisson vaudois GGA/IGP.  Die Mindestadauer für das Rötungs- und Räucherverfahrent beträgt 48 Stunden– und als Füllhülle werden auschliesslich Schweinenaturdärme (Caecum) verwendet.

Saucisson de Payerne: Das Herstellungsverfahren ähnelt dem der Waadtländer Saucisson GGA/IGP. Diese Ähnlichkeit im Herstellungsverfahren und im Erscheinungsbild  führte zu einer Beschwerde seitens der Association charcuterie vaudoise IGP, die folgendermassen begründet wurde : 

„Wenn das Rezept eines Produktes dem im Pflichtenheft der GGA/IGP beschriebenen Saucisson vaudois ähnelt, darf dieses Produkt keine geografische Bezeichnung mit Bezug auf den Kanton Waadt verwenden. Genau das ist das Problem bei der Payerne-Wurst, deren jahrhundertealtes Rezept stark mit dem der geschützten Saucisson vausois übereinstimmt“ (24 heures, 18.12.2016). Seit Dezember 2016 ist die Verwendung der Bezeichnung „Saucisson de Payerne“ oder „Saucisson payernois“ im Handel nicht mehr erlaubt. Der gerichtliche Entscheid betraf zwei von vier Metzgern in Payerne. „Das Gesetz lässt den beiden Metzgern die Möglichkeit, ihren Produkten fantasievolle Namen zu geben“, wie zum Beispiel „Hauswurst“, „Wurst der Königin Berthe“ oder „Abteikirchenwurst“, erklärte einer der beiden Metzger gegenüber der Tageszeitung 24 heures.

Saucisson fribourgeois: Die im Kanton Freiburg handwerklich hergestellten Würste, die in ihrer Herstellungsweise der Saucisson vaudois sehr ähnlich sind, werden oft „à la borne“ geräuchert (vgl. Produktfiche "Jambon de la borne GUB/AOP)).

Konsum

Traditionell werden die Wurstspezialitäten aus der Romandie vor allem von Mitte September bis April hergestellt und verzehrt; dieser Zeitraum variiert je nach Temperatur leicht. Dank der Weiterentwicklung der Hygiene- und Konservierungstechniken seit dem Zweiten Weltkrieg ist eine ganzjährige Herstellung möglich. Dennoch legen die Konsumenten nach wie vor großen Wert auf die Saisonalität dieser Würste. Dies gilt insbesondere für die Saucisse au choux die ebenfals als GGA/IGP geschützt ist (vgl. entsprechende Produktfiche) und weniger für die Saucisson vaudois und den „Boutefas“.

Als Ganzes gekocht isst man sie warm; man kann sie aber auch abkühlen lassen und in nicht zu dünne Scheiben schneiden. Als unverzichtbare Bestandteile des Waadtländer „Papet“ wird die Saucisse au choux manchmal durch die Saucisson vaudois ersetzt, oder beide Spezialitäten werden zusammen mit Lauch und Kartoffeln serviert. Man isst sie auch zu Sauerkraut oder Gratin Dauphinois und anderen gepökelten Fleischsorten. Heutzutage gibt es zahlreiche Rezepte, wie zum Beispiel die Saucisson en croûte, die diese regionalen Spezialitäten zur Geltung bringen. Neben den treuen Waadtländer Kunden, werden diese Wurstwaren aber schweizweit verkauft und geschätzt. Im Kanton Freiburg, zur Zeit des Bénichon, wird eine Saucisson, die perfekt zum „Jambon de la borne“ passt von vielen Konsumenten .

Von der Metzgerei in den Topf: Die Saucisson vaudois wird etwa 45 Minuten in Wasser oder eine Stunde lang auf Gemüse bei einer Temperatur von maximal 75° gekocht. Die gleiche Zubereitungsart gilt für den „Boutefas“, der allerdings länger auf dem Herd bleiben muss; die Garzeit hängt natürlich von seiner Dicke ab. Eine weitere, seltenere, aber sehr gesellige Zubereitungsart besteht darin, die Wurst in Alufolie einzuwickeln und mit Glut zu bedecken; früher wurde diese Methode als „Torée“ bezeichnet, eineTradition ist im Kanton Neuenburg noch immer lebendig ist; dort verwendet man natürlich eine Saucisson neuchâtelois GGA/IGP (vg. Produktfiche). Die Saucisson vaudois und der „Boutefas“ sollten nicht eingefroren werden.

Wirtschaftliche Bedeutung

Die Hersteller von Waadtländer Wurstwaren sind größtenteils handwerkliche Metzger, die ihre Rohstoffe hauptsächlich aus der Region beziehen und ihre Waren in ihren eigenen Geschäften verkaufen. Einige große Hersteller produzieren größere Mengen (80 % der Gesamtmenge) und beliefern vor allem den Großhandel.

Die Gesamtproduktion der Saucisson vaudois GGA/IGP liegt bei 620 Tonnen pro Jahr (Mittelwert 2023/2024), die des „Boutefas“ GUB/AOP liegen mit 15 Tonnen im gleichen Zeitraum deutlich darunter (Quelle: Statistiken BLW).

Literatur

  • © Association Suisse des AOP-IGP,   Photo Charcuterie vaudoise.  
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Produktionsepizentrum

Boutefas AOP: Kanton Waadt und Kanton Freiburg

Saucisson vaudois IGP: Kanton Waadt

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